Die Vielfalt sitzt im Raum, Innovationsfähigkeit sitzt im System.

Kognitive Vielfalt ist in Unternehmen längst vorhanden. Das allein macht eine Organisation weder kreativ noch innovativ.

Innovation entsteht, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar werden dürfen, ohne sofort vereinheitlicht zu werden. Wenn Teams Informationen nicht nur austauschen, sondern ihre Bedeutung gemeinsam erschließen. Wenn ungewöhnliche Ideen zu einem angemessenen Zeitpunkt und anhand geeigneter Kriterien bewertet werden. Und wenn die Organisation aus einer Erkenntnis ein tragfähiges Experiment, eine Entscheidung oder eine tatsächliche Veränderung machen kann.

Neuroinklusion ist dabei nicht deshalb relevant, weil neurodivergente Menschen einen besonderen wirtschaftlichen Nutzen beweisen müssten. Faire Teilhabe besitzt einen eigenen Wert. Gleichzeitig verschenken Organisationen Erkenntnispotenzial, wenn ihre Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen nur einen schmalen Ausschnitt menschlicher Denkweisen berücksichtigen und verarbeiten können.

Die entscheidende Innovationsfrage lautet daher: Kann unser System erkennen, übersetzen und nutzen, was diese Menschen unterschiedlich wahrnehmen?

Neurodiversität im Unternehmen

Die häufig genannte Schätzung, nach der etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung neurodivergent sind, geht unter anderem auf eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit der Organisationspsychologin Nancy Doyle zurück. Auf Grundlage der geschätzten Häufigkeit verschiedener Neurominderheiten, ihrer Überschneidungen und bestehender Unterdiagnostik bezeichnet Doyle diese Spanne als vernünftige Gesamtschätzung. Das als grobe Größenordnung.

Für die organisationale Schlussfolgerung ist keine scheinbar exakte Zahl erforderlich. Selbst bei einer vorsichtigen Schätzung ist davon auszugehen, dass in den meisten größeren Teams und Organisationen neurodivergente Menschen arbeiten. Viele von ihnen haben keine Diagnose, teilen diese am Arbeitsplatz nicht mit oder verwenden die Bezeichnung für sich selbst nicht. Neurodivergenz ist zudem nur eine Quelle kognitiver Vielfalt. Menschen nehmen auch deshalb unterschiedliche Aspekte einer Situation wahr, weil sie andere Wissensbestände, Rollen, Erfahrungen und Interessen mitbringen. Eine Person aus dem Kundendienst erkennt möglicherweise ein wiederkehrendes Nutzungshindernis. Eine Entwicklerin sieht eine technische Abhängigkeit. Der Vertrieb bewertet dieselbe Situation anhand ihrer Auswirkungen auf einen Abschluss. Keine dieser Sichtweisen bildet für sich allein das gesamte Problem ab.

Ebenso wenig gibt es eine einheitliche neurodivergente Perspektive. Zwei autistische Menschen können sich in ihrer Wahrnehmung, Kommunikation und Problemlösungsweise stark voneinander unterscheiden. Gleiches gilt für Menschen mit ADHS, Dyslexie oder anderen neurokognitiven Profilen. Die Aussage, neurodivergente Menschen dächten anders, reicht daher nicht aus. Relevant wird die Frage, welcher Unterschied in welcher Situation eine zusätzliche Erkenntnis ermöglicht und ob die Organisation diesen Unterschied verarbeiten kann.

Vier ganz unterschiedliche Ströme fließen in ein Netzwerk ein. Kognitive Vielfalt und Innovation: Die Vielfalt sitzt im Raum

Die Vielfalt sitzt längst im Raum

Zu den schätzungsweise 15 bis 20 Prozent neurodivergenter Menschen kommen Unterschiede in Ausbildung, Berufserfahrung, Fachgebiet, kultureller Prägung und persönlicher Problemlösungslogik hinzu. Unternehmen mangelt es daher wahrscheinlich nicht an kognitivem Potential.

Trotzdem werden bekannte Probleme über Jahre verwaltet. In Strategiemeetings kommen dieselben Argumente auf den Tisch wie im Vorjahr. Ideenworkshops produzieren sorgfältig dokumentierte Ergebnisse, die anschließend hinter dem Tagesgeschäft verschwinden. Und Hinweise von Beschäftigten werden erst dann ernst genommen, wenn ein Kunde sie als Beschwerde formuliert oder eine Kennzahl sichtbar abstürzt.

Was geschieht mit einer Beobachtung, die nicht in die vorherrschende Logik passt? Wird sie ausgesprochen und wahrgenommen? Können andere nachvollziehen, worauf sie beruht? Wird sie anhand passender Kriterien geprüft? Und besitzt die Organisation überhaupt die Möglichkeit, daraus eine Entscheidung, ein Experiment oder eine tatsächliche Veränderung abzuleiten?

Unterschiedliche Denkweisen stellen mögliche Erkenntnisressourcen bereit. Innovationsfähigkeit zeigt sich darin, was ein organisationales System mit ihnen macht.

Diverse Teams und Innovation: Eine Ressource ist noch kein Ergebnis

Der verbreitete Business Case für Vielfalt folgt häufig einer verkürzten Logik: Unterschiedliche Menschen bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Unterschiedliche Perspektiven erzeugen neue Ideen. Neue Ideen führen zu Innovation.

Wissenschaftlich ist dieser Zusammenhang erheblich weniger eindeutig. Eine 2024 veröffentlichte, vorab registrierte Metaanalyse wertete 615 Forschungsberichte mit insgesamt 2.638 Effektgrößen aus. Die durchschnittlichen Zusammenhänge zwischen demografischer, berufsbezogener oder kognitiver Vielfalt und Teamleistung waren positiv, aber sehr klein. Die Analyse liefert damit weder eine Grundlage für die Behauptung, Vielfalt steigere Leistung automatisch deutlich, noch für die pauschale Gegenposition, sie sei wirtschaftlich irrelevant.

Unterschiedliche Wissensbestände können den Lösungsraum erweitern. Gleichzeitig erschweren sie möglicherweise die Verständigung. Menschen, die eine Situation unterschiedlich deuten, sind schließlich nicht nur uneinig über die beste Lösung. Sie können bereits unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was überhaupt das Problem ist, welche Informationen relevant sind, welche Ziele Vorrang besitzen, welches Risiko vertretbar ist, und woran eine gute Lösung zu erkennen wäre. Diese Differenzen können neue Einsichten ermöglichen. Sie können aber auch zu Missverständnissen, Statuskonflikten oder endlosen Grundsatzdiskussionen führen.

Diverse Teams und Innovation gehören deshalb nicht über einen einfachen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zusammen. Vielfalt erhöht zunächst die Bandbreite potenziell verfügbarer Informationen. Ob ein Team daraus bessere Entscheidungen oder neue Lösungen entwickelt, hängt von Aufgabe, Zusammenarbeit, Führung und organisationalen Rahmenbedingungen ab.

Unterschiedliche Denkweisen im selben Raum sind eine Ressource. Sie produktiv zu verarbeiten, ist eine Fähigkeit des Systems.

Kognitive Vielfalt und Innovation beginnen vor der Ideenfindung

Innovation wird in Unternehmen häufig auf Kreativität und Ideenproduktion reduziert. Darauf folgen ein Design-Thinking-Workshop, eine Ideenplattform oder eine moderierte Brainstorming-Runde. Doch bevor eine Idee entstehen kann, muss jemand etwas bemerken. Das kann eine Abweichung sein, die in den Kennzahlen noch nicht sichtbar wird. Ein unnötiger Prozessschritt. Ein Widerspruch zwischen Strategie und Arbeitsalltag. Eine technische Möglichkeit, für die noch kein Anwendungsfall formuliert wurde. Oder eine Annahme, die seit Jahren nicht mehr überprüft wurde.

Was als relevantes Signal gilt, hängt von Aufmerksamkeit, Erfahrung und mentalen Modellen ab. Eine Person erkennt ein Muster, während eine andere nur einzelne Ausnahmen sieht. Eine dritte hält dieselben Beobachtungen für unvermeidbare Begleiterscheinungen des Geschäfts. Ein Unternehmen kann daher ein Innovationsproblem haben, obwohl es regelmäßig Ideen sammelt. Möglicherweise werden entscheidende Beobachtungen bereits aussortiert, bevor sie als Ausgangspunkt einer Idee erkennbar werden. Das geschieht etwa, wenn ein Hinweis als zu detailliert, zu theoretisch, zu negativ oder nicht ausreichend lösungsorientiert abgewertet wird. Wer das Problem anders rahmt als die Mehrheit, wirkt dann nicht zwingend innovativ. Die Person erscheint womöglich umständlich, unbequem oder schwer anschlussfähig.

Innovation beginnt deshalb nicht immer mit einem klar formulierten Kundenproblem. Manchmal beginnt sie mit einer Irritation, deren Bedeutung zunächst niemand erklären kann. Ein innovationsfähiges System muss solche Signale nicht sofort für richtig halten. Es muss sie nur lange genug sichtbar halten können, um ihren möglichen Erkenntniswert zu prüfen.

Unterschiedliche Denkweisen müssen eine ausdrückbare Form bekommen

Kognitive Vielfalt kann nur wirksam werden, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen für andere zugänglich werden.

Viele Arbeitsformate begünstigen jedoch bestimmte Arten des Denkens und Kommunizierens. Das können schnelles mündliches Formulieren, spontane Reaktionen, lineare Argumentationen oder ein sicheres Auftreten sein. Der dahinterliegende Mechanismus ist nachvollziehbar: Wer früh und überzeugend spricht, prägt die Interpretation. Wer einen Gedanken erst schriftlich strukturieren muss oder mehrere zunächst unverbundene Beobachtungen zusammenführt, kommt häufig zu spät.

Kommunikationsschnelligkeit ist jedoch nicht mit Analysequalität gleichzusetzen. Stell dir eine Produktbesprechung vor: Eine Person bemerkt, dass mehrere scheinbar unabhängige Kundenanfragen auf dasselbe strukturelle Problem hindeuten. Sie kann den Zusammenhang noch nicht vollständig erklären. Das Meeting verlangt jedoch konkrete Lösungsvorschläge und eine unmittelbare Einschätzung des wirtschaftlichen Nutzens. Die Beobachtung wird vertagt, weil sie noch nicht entscheidungsreif ist. Formal hat das Team effizient gearbeitet. Inhaltlich hat es möglicherweise ein frühes Signal verloren.

Innovationsfähige Formate trennen deshalb das Wahrnehmen einer Beobachtung von der Pflicht, sofort eine vollständige Lösung vorzulegen. Sie ermöglichen verschiedene Zugänge: vorbereitete und spontane Beiträge, mündliche und schriftliche Reflexion, Einzeldenken vor der Diskussion sowie synchrone und asynchrone Verarbeitung. Dabei geht es nicht darum, jede individuelle Präferenz jederzeit zu erfüllen. Entscheidend ist, die Qualität des gemeinsamen Denkens nicht unnötig an einen einzigen Kommunikationsmodus zu binden.

Entscheidend ist, was das System daraus macht.

Kognitive Vielfalt ist in Unternehmen längst vorhanden. Sie wird jedoch erst dann zur Grundlage von Innovation, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar bleiben, verständlich gemacht, angemessen bewertet und in konkrete nächste Schritte überführt werden können.

Kann dein Unternehmen in seine aktuellen Strukturen erkennen und nutzen, was die Mitarbeitenden abweichend zueinander wahrnehmen?

Innovationsfähigkeit beginnt dort, wo eine Organisation Abweichungen nicht vorschnell glättet, sondern als mögliche Erkenntnis behandelt. Die Vielfalt sitzt im Raum, aber ob daraus etwas Neues entsteht, entscheidet das System.


Unter welchen sozialen und organisationalen Bedingungen werden unterschiedliche Denkweisen zu Innovation? Unternehmen verfügen bereits über mehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Denkweisen, als ihre Prozesse umsetzen. Monika Wolff untersucht und gestaltet, wie daraus gemeinsame Erkenntnis, bessere Entscheidungen und wirkliche Innovation entstehen können. Eine ergebnisoffene Ist-Analyse inklusive Ergebnisbericht wird durch EU-Mittel gefördert (Infomaterial).

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