Acht rekursive Felder von der Wahrnehmung bis zur Nutzung
Ein Unternehmen veranstaltet einen Innovationsworkshop. Mehrere Teams entwickeln Ideen, kleben Notizzettel an Wände, wählen Favoriten aus und bauen erste Prototypen. Die Präsentation vor der Geschäftsleitung verläuft erfolgreich. Sechs Monate später ist von den Ergebnissen im Arbeitsalltag kaum noch etwas zu sehen.
Ist die Innovation bei der Umsetzung gescheitert? Vielleicht. Möglicherweise lag das Problem jedoch deutlich früher. Vielleicht wurden die falschen Beobachtungen als Ausgangspunkt genommen. Vielleicht war die Fragestellung zu eng. Vielleicht fehlte relevantes Wissen. Oder eine ungewöhnliche Idee wurde zwar geäußert, aber nicht als wertvoll erkannt.
Was ist Innovation, wenn eine Idee allein offenbar nicht genügt?
Innovation ist kein einzelner Geistesblitz und kein linearer Ablauf von der Ideenfindung bis zur Markteinführung. Sie entsteht in einem rekursiven sozialen und organisationalen Prozess: Organisationen nehmen Signale wahr, konstruieren Probleme, verbinden Wissen, entwickeln Möglichkeiten, verarbeiten unterschiedliche Perspektiven, treffen Entscheidungen, erzeugen durch Experimente neue Erkenntnisse und überführen tragfähige Neuerungen in tatsächliche Nutzung.
Die acht Felder dieses Artikels sind kein in der Forschung etabliertes Standardmodell. Sie bilden eine forschungsbasierte Synthese verschiedener Stränge der Innovations-, Kreativitäts-, Team- und Designforschung. Ihr Zweck ist nicht, Innovation in acht ordentliche Phasen zu zerlegen. Sie sollen sichtbar machen, an welchen Stellen Organisationen Erkenntnis gewinnen oder verlieren.
Was ist Innovation und bis wann ist eine Idee noch keine?
Das Oslo Manual von OECD und Eurostat definiert Innovation als ein neues oder verbessertes Produkt beziehungsweise einen neuen oder verbesserten Prozess, der sich signifikant vom bisherigen Zustand unterscheidet und potenziellen Nutzenden verfügbar gemacht hat oder innerhalb einer Organisation tatsächlich in Gebrauch genommen wurde. Entscheidend ist damit nicht allein die Neuheit, sondern ihre Einführung oder Nutzung.
Eine Beobachtung ist daher noch keine Innovation. Eine Idee ebenfalls nicht. Selbst ein funktionsfähiger Prototyp kann vorerst nur das Ergebnis einer Innovationsaktivität sein.
Diese Unterscheidung ist für Unternehmen relevant, weil Kreativität und Innovation unterschiedliche Anforderungen stellen. Kreativität wird in der Organisationsforschung üblicherweise auf die Entwicklung neuartiger und zugleich potenziell nützlicher Ideen bezogen. Innovation umfasst darüber hinaus deren Förderung, Weiterentwicklung und Implementierung. Ein Unternehmen kann ausgesprochen ideenreich und zugleich wenig innovationsfähig sein.
Der Innovationsprozess ist kein Fließband
Viele Darstellungen des Innovationsprozesses zeigen eine Abfolge: Problem verstehen, Ideen erzeugen, Lösung auswählen, Prototyp bauen, Innovation einführen. Solche Modelle können Verantwortlichkeiten strukturieren und Investitionsentscheidungen unterstützen. Als Beschreibung tatsächlicher Erkenntnisprozesse sind sie jedoch unvollständig.
Bei komplexen Aufgaben verändern Lösungsideen häufig das Verständnis des Problems. Ein erster Prototyp kann zeigen, dass eine zuvor wichtig erscheinende Anforderung bedeutungslos ist. Schwierigkeiten in der Umsetzung können offenlegen, dass nicht die technische Lösung, sondern Rollen, Anreize oder Entscheidungsrechte verändert werden müssten. Forschung zum Problem-Framing beschreibt die Bearbeitung komplexer Probleme deshalb als fortlaufende Konstruktion und Rekonstruktion des Gegenstands, nicht als einmalige Vorarbeit.
Die folgenden acht Felder sind daher nicht wie Stationen eines Fließbands zu lesen. Sie können parallel auftreten, mehrfach durchlaufen werden und einander korrigieren.

1. Signale und Abweichungen wahrnehmen
Innovation beginnt häufig mit einer Irritation: Kundinnen umgehen einen vorgesehenen Prozess. Ein Team entwickelt inoffizielle Hilfslösungen. Eine Kennzahl verbessert sich, während Beschwerden zunehmen. Eine neue Technologie ermöglicht etwas, für das bislang kein formulierter Bedarf existierte.
Doch Signale sprechen nicht für sich. Was als relevant gilt, hängt davon ab, worauf eine Organisation ihre Aufmerksamkeit richtet, welches Wissen vorhanden ist und welche Erklärungen als plausibel gelten. Kennzahlen erfassen nur, was zuvor operationalisiert wurde. Eskalationswege transportieren nur, was Menschen für berichtenswert und aussprechbar halten.
Gerade Abweichungen werden häufig vorschnell normalisiert: als Einzelfall, Widerstand, mangelnde Kompetenz oder Fehler einzelner Personen. Damit wird aus einer potenziell erkenntnisreichen Irritation ein Vorgang, der administrativ geschlossen werden kann.
Eine hilfreiche Organisationsfrage lautet deshalb: Welche Abweichungen untersuchen wir und welche erklären wir so schnell, dass wir nichts mehr aus ihnen lernen müssen?
Spätere Felder können die Wahrnehmung erneut öffnen. Ein Experiment erzeugt neue Daten. Eine andere Perspektive macht ein bislang unsichtbares Muster erkennbar. Die Wahrnehmung bildet deshalb nicht nur den Anfang, sondern bleibt während des gesamten Prozesses wertvoll.
2. Probleme konstruieren und rahmen: Wie entsteht Innovation aus einer Beobachtung?
Eine Beobachtung enthält noch keine eindeutige Problemdefinition.
Wenn Projekte regelmäßig verspätet liefern, kann dies als Planungsdefizit gerahmt werden. Ebenso denkbar sind unklare Entscheidungsrechte, widersprüchliche Ziele, schlecht übersetzte Anforderungen, unrealistische Portfolioplanung oder Abhängigkeiten, die im offiziellen Prozessmodell nicht vorkommen.
Jeder Rahmen lenkt Aufmerksamkeit auf bestimmte Ursachen und macht bestimmte Lösungen wahrscheinlicher. Wer ein strukturelles Schnittstellenproblem als individuelles Kommunikationsproblem rahmt, wird Trainings anbieten, obwohl Entscheidungswege oder Zuständigkeiten verändert werden müssten.
Problem-Framing ist deshalb keine neutrale Beschreibung. Es entscheidet mit darüber, wessen Wissen relevant erscheint, wer Verantwortung erhält und welche Eingriffe überhaupt als legitim gelten. Untersuchungen zu komplexen öffentlichen und sozialen Innovationsvorhaben zeigen, dass erfahrene Designteams Problemrahmen fortlaufend erweitern, infrage stellen und mit dem entstehenden Lösungsraum abstimmen.
Die Kontroverse: Beginnt Innovation immer mit einem Problem?
Die Forderung, stets mit einem Kundenproblem zu beginnen, ist in vielen Kontexten sinnvoll. Sie schützt vor Lösungen, die vor allem deshalb entwickelt werden, weil sie technisch möglich sind.
Sie ist jedoch keine allgemeingültige Innovationsregel. Innovation kann ebenso mit einer wissenschaftlichen Entdeckung, einer neuen Technologie, einer regulatorischen Veränderung, einer bislang ungenutzten Ressource oder einer unerwarteten Kombination vorhandener Fähigkeiten beginnen.
Auch in diesen Fällen muss eine Organisation irgendwann klären, welche relevante Möglichkeit, Spannung oder Veränderungsaufgabe vorliegt. Innovation beginnt also nicht zwingend mit einem bereits bekannten Problem. Sie benötigt aber einen tragfähigen Rahmen, innerhalb dessen eine Neuerung beurteilt und weiterentwickelt werden kann.
3. Wissen aktivieren, kombinieren und inkubieren lassen
Ideen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie greifen auf vorhandenes Fachwissen, Erfahrungen, Analogien und Beobachtungen zurück und kombinieren diese neu.
Das benötigte Wissen ist in Organisationen jedoch verteilt. Technisches Wissen liegt an einer anderen Stelle als Nutzungserfahrung. Führungskräfte kennen strategische Abhängigkeiten, aber nicht unbedingt die informellen Arbeitsschritte, mit denen Beschäftigte bestehende Systeme funktionsfähig halten. Kundinnen können Schwierigkeiten beschreiben, ohne deren Ursache zu kennen.
Innovationsfähigkeit hängt daher nicht nur davon ab, wie viel Wissen vorhanden ist, sondern ob es für die jeweilige Frage aktiviert und verbunden werden kann.
Hinzu kommt die Inkubation. Eine Metaanalyse von Studien zum kreativen Problemlösen fand einen positiven durchschnittlichen Effekt von Unterbrechungen. Die Wirkung variierte allerdings unter anderem nach Aufgabenart, vorheriger Beschäftigung und Gestaltung der Unterbrechung. Inkubation ist also kein verlässlicher Zaubertrick, aber ein empirisch gestützter Hinweis darauf, dass nicht jede Denkaufgabe durch unmittelbaren Zeitdruck besser wird.
Die relevante Frage lautet: Wo darf Wissen in unserer Organisation verbunden und verarbeitet werden, bevor bereits eine Entscheidung erwartet wird?
4. Ideenfindung: Gedankenräume erweitern, ohne Menge mit Qualität zu verwechseln
Ideenfindung dient zunächst dazu, den Raum möglicher Antworten zu erweitern. Dabei können Analogien, gezielte Perspektivwechsel, veränderte Randbedingungen oder ungewöhnliche Kombinationen hilfreich sein.
Viele Ideen sind jedoch kein Selbstzweck. Die Annahme, eine größere Menge führe automatisch zu besseren Lösungen, verkürzt den Zusammenhang. Mehr Varianten können die Chance auf einen starken Ansatz erhöhen. Sie vergrößern aber auch den Bewertungsaufwand und helfen wenig, wenn alle Varianten auf demselben unzureichenden Problemrahmen beruhen.
Auch Gruppenbrainstorming ist nicht automatisch der individuellen Ideenentwicklung überlegen. In Gruppen können Produktionsblockaden entstehen: Während eine Person spricht, können andere ihren Gedanken nicht ausführen oder passen ihre Beiträge an bereits Gehörtes an. Eine sinnvolle Gestaltung verbindet beispielsweise individuelle Vorarbeit mit anschließender gemeinsamer Weiterentwicklung.
Forschung zur Kreativität am Arbeitsplatz betont insgesamt das Zusammenspiel von Person, Aufgabe und sozialem Kontext. Kreativität ist weder ausschließlich eine stabile persönliche Eigenschaft noch das zuverlässige Ergebnis einer einzelnen Methode.
Eine aktuelle KI-Kontroverse
Generative Sprachmodelle (Large-Language-Models, LLMs) können den Zugang zu Ideen erleichtern. In einem Experiment von Doshi und Hauser verfassten Teilnehmende Kurzgeschichten entweder ohne LLM-Unterstützung oder mithilfe von durch generative LLMs erzeugten Ausgangsideen. Der Zugang zu LLMs verbesserte die durchschnittlichen Bewertungen der Geschichten, besonders bei Personen, deren Ausgangsleistung geringer war. Gleichzeitig ähnelten sich die mit LLM-Unterstützung entstandenen Geschichten stärker.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass KI organisationale Innovation generell verbessert oder kollektive Vielfalt zwangsläufig verringert. Untersucht wurde kreatives Schreiben unter kontrollierten Bedingungen, nicht die Entwicklung komplexer Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle. Die Studie verweist dennoch auf einen relevanten Zielkonflikt: Ein Werkzeug kann individuelle Leistungen anheben und zugleich gemeinsame Ausgangspunkte erzeugen, die den kollektiven Lösungsraum verengen. KI kann die Zahl verfügbarer Antworten erhöhen, ohne die Bandbreite der gestellten Fragen zu erweitern.
Organisationen sollten KI daher nicht nur danach beurteilen, ob Menschen schneller Ideen produzieren. Ebenso wichtig ist, ob eigenständige Beobachtungen und ungewöhnliche Wissensbestände in den Prozess gelangen, bevor ein Modell plausible Standardantworten anbietet.
5. Unterschiedliche Perspektiven elaborieren
Unterschiedliche Denkweisen erweitern zunächst nur das potenziell verfügbare Informationsangebot. Sie erzeugen nicht automatisch bessere Entscheidungen oder Innovation.
Die Forschung zu Teamdiversität beschreibt zwei gegenläufige Mechanismen. Unterschiede können aufgabenrelevantes Wissen und verschiedene Perspektiven verfügbar machen. Sie können zugleich soziale Kategorisierung, Missverständnisse, Konflikte oder geringere Kohäsion begünstigen. Metaanalysen und Reviews zeigen deshalb keine einfache, kontextunabhängige Beziehung zwischen Diversität und Teamleistung. Aufgabenart, Art der Unterschiede und soziale Prozesse moderieren die Ergebnisse.
Entscheidend ist: Informationen und Sichtweisen müssen ausgetauscht, erklärt, geprüft und in Beziehung zueinander gesetzt werden. Selbst funktionale Vielfalt oder der Zugang zu externem Wissen garantieren diesen Prozess nicht. Eine Studie mit 215 wissensintensiv arbeitenden Teams fand beispielsweise Unterstützung für den Zusammenhang zwischen externer Informationssuche und Elaboration, jedoch nicht für einen direkten entsprechenden Effekt funktionaler Vielfalt.
Auch eine aktuelle Metaanalyse von 38.304 Teams fand zwar einen Zusammenhang demografischer Vielfalt mit stärkeren Kategorisierungsprozessen, aber keinen generellen Zusammenhang zu Informations-Elaboration. Das bedeutet nicht, dass Vielfalt wertlos wäre. Es bedeutet, dass Unterschiede nicht von selbst in gemeinsam nutzbares Wissen übergehen.
Die organisationale Kernfrage lautet: Werden abweichende Perspektiven lediglich angehört oder so weit geteilt, dass ihre innere Logik verstanden, geprüft und mit anderem Wissen verbunden werden kann?
6. Ideen bewerten: Erkennen, vergleichen und auswählen
Eine gute Idee muss nicht nur entstehen. Sie muss als solche erkannt werden. Das ist schwieriger, als viele Auswahlverfahren vermuten lassen. Originalität, erwarteter Nutzen, Machbarkeit, strategische Passung, Risiko und Skalierbarkeit sind unterschiedliche Kriterien. Ein Ansatz kann hochgradig neu, aber derzeit kaum umsetzbar sein. Eine leicht realisierbare Idee kann wiederum so wenig verändern, dass ihr Innovationswert gering bleibt.
Forschungsübersichten zur Ideenerkennung und -auswahl kommen zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Auswahl kreativer Ideen erhebliches Verbesserungspotenzial besitzt. Neuartige Ansätze erzeugen Unsicherheit, passen schlechter in bestehende Kategorien und werden deshalb leicht zugunsten vertrauterer Optionen zurückgestellt.
Zudem wird nicht nur die Idee bewertet. Status, Fachsprache, Auftreten und organisationale Position ihrer Urheberperson beeinflussen, wie viel Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit sie erhält. Eine Idee kann sachlich anschlussfähig sein und sozial dennoch keine Anschlussfähigkeit besitzen. Die Konsequenz ist nicht, Bewertung vollständig zu objektivieren. Das ist unter Unsicherheit kaum möglich. Sinnvoller ist es, Kriterien, Annahmen und Nichtwissen sichtbar zu machen. Statt früh eine einzige Gewinneridee zu bestimmen, können Organisationen mehrere unterschiedlich riskante Ansätze gezielt weiter untersuchen.
Eine unbequeme Diagnosefrage lautet: Bewerten wir den möglichen Wert einer Idee oder vor allem ihre Vertrautheit und die Glaubwürdigkeit der Person, die sie vorträgt?
7. Durch Prototypen neue Erkenntnisse erzeugen
Ein Prototyp ist nicht einfach eine unvollständige Version der späteren Lösung. Er ist eine materialisierte Frage.
Ein Klickmodell kann prüfen, ob Nutzende eine Logik verstehen. Ein Rollenspiel kann Entscheidungswege testen. Eine manuell ausgeführte Dienstleistung kann zeigen, ob überhaupt ein relevantes Nutzungsbedürfnis besteht. Ein technischer Demonstrator beantwortet wiederum andere Fragen als ein Pilot unter realen organisatorischen Bedingungen.
Der Wert eines Prototyps hängt deshalb davon ab, welche Unsicherheit er reduzieren soll. Wird dies nicht geklärt, entstehen eindrucksvolle Demonstrationen, aus denen kaum belastbare Entscheidungen folgen. Auch ein erfolgreicher Test beweist nur, was unter den jeweiligen Bedingungen untersucht wurde. Er belegt nicht automatisch technische Skalierbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Akzeptanz, regulatorische Tragfähigkeit oder Integration in bestehende Abläufe.
Experimente erzeugen zudem nur dann organisationales Lernen, wenn Annahmen vorab benannt, Ergebnisse anschließend ausgewertet und Konsequenzen gezogen werden. Ein gescheiterter Versuch ist nicht automatisch wertvoll. Ohne Auswertung bleibt er lediglich ein gescheiterter Versuch.
Design Thinking im Innovationsprozess: sinnvoll, aber kein Zauberspruch
Design Thinking verbindet mehrere hilfreiche Praktiken: intensive Auseinandersetzung mit Nutzungskontexten, Problem-Framing, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Visualisierung, Ideenentwicklung und Prototyping.
Eine systematische Literaturübersicht von Rösch, Tiberius und Kraus untersuchte 164 wissenschaftliche Beiträge. Sie zeigt, dass Design Thinking sehr unterschiedlich konzeptualisiert wird und dass seine Anwendung von Kontextbedingungen, Prozessgestaltung und organisationaler Einbettung abhängt.
Das erklärt, warum die Frage „Funktioniert Design Thinking?“ zu grob ist. Design Thinking kann ein sinnvolles Gefäß für bestimmte Erkenntnisbewegungen sein. Ein Workshop beantwortet jedoch nicht automatisch:
- wer Ressourcen für eine Umsetzung bereitstellt,
- welche Idee im Portfolio Priorität erhält,
- wie technische und regulatorische Abhängigkeiten bearbeitet werden,
- welche Machtinteressen einer Veränderung entgegenstehen,
- oder wie eine Lösung dauerhaft in Routinen übergeht.
Design Thinking kann Teile des Innovationsprozesses stärken. Es ersetzt keine organisationale Innovationsfähigkeit.
8. Umsetzung, Nutzung und institutionelles Lernen
Hier entscheidet sich, ob aus einer potenziellen Neuerung tatsächlich Innovation wird. Eine Lösung muss in technische Systeme, Arbeitsabläufe, Zuständigkeiten, Budgets und Entscheidungswege integriert werden. Menschen müssen sie nicht nur kennen, sondern im relevanten Kontext nutzen können und wollen. Bestehende Anreize dürfen die alte Arbeitsweise nicht attraktiver machen als die neue.
Eine systematische Übersicht zur Implementierung von Innovationen ordnet Einflussfaktoren vier Bereichen zu: Eigenschaften der Innovation selbst, soziale Faktoren, organisationale Bedingungen und individuelle Faktoren. Sie weist außerdem darauf hin, dass sich Innovationen während ihrer Umsetzung verändern können und Implementierung nicht nur ein mechanischer Transfer eines fertigen Konzepts ist.
Eine weitere Forschungsübersicht nennt unter anderem ein positives Implementierungsklima, Unterstützung durch das Management, verfügbare finanzielle Ressourcen und Lernorientierung als Bedingungen, die erfolgreiche Umsetzung wahrscheinlicher machen.
Damit schließt sich der rekursive Prozess. Die Nutzung erzeugt neue Beobachtungen. Lokale Anpassungen können zeigen, dass der ursprüngliche Entwurf unvollständig war. Unerwartete Nebenwirkungen verlangen ein neues Framing. Eine Innovation verändert nicht nur einen Gegenstand oder Prozess; sie kann auch neues Wissen darüber erzeugen, wie die Organisation tatsächlich funktioniert.
Die entscheidende Frage lautet: Was muss sich in Routinen, Entscheidungen, Systemen und Verantwortlichkeiten verändern, damit die Neuerung nicht nur eingeführt, sondern wirksam genutzt wird?
Wo verliert Ihre Organisation Erkenntnis?
Innovationsfähigkeit zeigt sich nicht allein an Forschungsbudgets, Kreativworkshops oder der Zahl eingereichter Ideen. Sie zeigt sich daran, ob eine Organisation Erkenntnisse durch alle acht Felder transportieren und dabei weiterentwickeln kann.
Zu prüfen ist deshalb nicht nur, ob es einen definierten Innovationsprozess gibt, sondern auch wo Erkenntnis verloren geht: Werden relevante Abweichungen wahrgenommen? Werden alternative Problemrahmen zugelassen? Kann verteiltes Wissen verbunden werden? Entstehen tatsächlich unterschiedliche Möglichkeiten? Werden Perspektiven elaboriert oder nur gesammelt? Können ungewöhnliche Ideen fair erkannt werden? Beantworten Prototypen entscheidungsrelevante Fragen? Und verändert die Neuerung schließlich die tatsächliche Nutzung?
Innovation beginnt damit oft früher, als Organisationen vermuten, und endet später, als viele Innovationsmethoden suggerieren.
Eine Idee ist noch keine Innovation. Sie ist zunächst eine mögliche Antwort auf ein möglicherweise falsch verstandenes Problem. Erst wenn eine Organisation Signale in Erkenntnis, Erkenntnis in prüfbare Möglichkeiten und tragfähige Möglichkeiten in tatsächliche Nutzung überführen kann, entsteht wirkliche Innovation.
Unter welchen sozialen und organisationalen Bedingungen werden unterschiedliche Denkweisen zu Innovation? Unternehmen verfügen bereits über mehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Denkweisen, als ihre Prozesse umsetzen. Monika Wolff untersucht und gestaltet, wie daraus gemeinsame Erkenntnis, bessere Entscheidungen und wirkliche Innovation entstehen können. Eine ergebnisoffene Ist-Analyse inklusive Ergebnisbericht wird durch EU-Mittel gefördert (Infomaterial).